Die Zukunft der Strickdesigner

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Loro Piana at Pitti Filati 2017

Die Modeindustrie ist im Umbruch. Oder sollte es zumindest sein. Man sollte meinen, all die gegenwärtigen Probleme der Branche sollten eine neue Sicht auf Strategien, Strukturen und Rollenbilder hervorbringen. Teilweise ist es auch so, vor allem Startups finden da neue Wege, sich zu organisieren. Was heißen diese Veränderungen aber für die Zukunft der Strickdesigner?

Erst einmal müsste man anmerken, was für mich die Probleme der Branche wären. Die Probleme, die sich mit jedem Jahr nur zuspitzen. Die Probleme, die jeder von uns kennt und trotzdem nicht viel dagegen machen kann. Eigentlich wäre da ein gewaltiger Einschnitt angemessen, nur weiß keiner, wie das gehen soll.

Es ist vor allem die fehlende Nachhaltigkeit. Damit meine ich nicht nur die ökologisch-soziale Nachhaltigkeit, sondern den Begriff im ursprünglichen Kontext. Jedes Unternehmen ist in erster Linie damit beschäftigt, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Die 12 Kollektionen im Jahr muss man mit möglichst viel Gewinn durchzuballern. Sehr wenige machen sich strategische Gedanken um die Zukunft, die nicht nur um mehr Influencer kreisen und um den eigenen kurzfristigen Gewinn. Viele Global Player haben keinen Platz für Experimente, keine Lust auf Neuerungen, keine Zeit für Weiterentwicklung. Es ist extrem schade, wie sich Firmen der Digitalisierung und neueren Arbeitsmodellen versperren und nicht in die entfernte Zukunft investieren können.

Der Mangel an ökologischer Nachhaltigkeit und der sozialen Gerechtigkeit geht einher mit der Starre in Systemen der Unternehmen. Mittlerweile ist jedem irgendwo klar, was diese Faktenablehnung für die Zukunft unserer Welt bedeutet. Eine Änderung funktionierender Strukturen bedeutet aber immer ein Risiko. Jeder Fehlgriff kann für Unternehmen die Insolvenz bedeuten. Also Augen zu und durch, zu der hellen Zukunft (oder auch nicht).

Es ist ja tatsächlich nicht so, dass es für solches Verhalten keine Gründe gibt. Es gibt übermäßig, unbeschreiblich, außerordentlich viel Konkurrenz auf dem Markt. Die Gewinnspanne sinkt immer mehr, weil die Konsumenten einen immer niedrigeren Preis erwarten. Jeder versucht den anderen mit früheren Reduzierungen zu überbieten und die neuesten Trends müssen schon morgen im Laden hängen. Die Saisons werden immer mehr und immer kürzer. Jeden Monat gibt ein Creative Director gestresst seine Stelle auf, jeder Angestellte schiebt unendlich viele Überstunden. Und da der Erfolg in unserer Gesellschaft mit Geld gemessen wird, gehen mehr und mehr erfolglos in die Insolvenz. Wie soll man da an eine entfernte Zukunft denken?

Jetzt aber bitte nicht depressiv werden. Mehr und mehr Firmen formen ihre Vorgehensweisen um, mehr und mehr Konsumenten ändern ihre Erwartungen. Welche Konsequenzen haben die kommenden Veränderungen also für Mode- und explizit für Strickdesigner?

Wenn man zukunftsorientiert denkt, wird einem klar, dass ein Designer nicht mehr „nur“ ein kreativer Zeichner sein kann, wie man ihn sich noch vor 20 Jahren vorgestellt hat. Ein Gestalter muss sich nicht nur der Ökonomie, sondern auch der Ökologie und der sozialen Struktur bewusst werden. Der Designer kommt nicht umhin, mit, in und für Innovationen zu arbeiten und sich mit der Technik und der digitalen Welt auszukennen.

Ein Strickdesigner muss sich in der Stricktechnik so wohlfühlen, dass er die Probleme seines Modells voraussehen und auffangen kann. Er oder sie sollte alle Möglichkeiten der Herstellung kennen, um sie nutzen zu können. Das technische Verständnis entwirrt nebenbei die mystische Welt der Modelleigenschaften und Preisvoraussagen. Meiner Meinung nach sollte der Strickdesigner sogar so weit gehen, dass er selbst das Erstmuster programmiert und strickt.

Die allgegenwärtige Digitalität sollte man natürlich auch nicht vergessen. Die Zukunft des Strickdesigners liegt sicher in der Industrie 4.0. Die Prozesse der Branche werden zunehmend digital. Es wird daran gearbeitet, dass alles fließend ineinander greifen kann und automatisiert wird. Ich selbst habe immer den Anspruch, die Arbeitsprozesse zu optimieren und die Möglichkeiten der heutigen Technik auszunutzen. Da begeistern mich Projekte wie Knit For You von Adidas, die die Industrie 4.0 in der Textilbranche vorantreiben. Die Seamless-Stricktechnik ist ein wichtiger Teil solcher Konzepte und die Zukunft der Strickindustrie. Es ist an der Zeit, dass Strickmaschinen, Produktdatenmanagement-Systeme, Body-Scanner, 3D-Visualisierungen, Inkjet-Drucker, virtuelle Ankleideräume und vieles Andere in einem System kommunizieren und von Designern beherrscht werden.

Das ist die Zukunft der Strickdesigner, so sieht die Welt von morgen aus! Jetzt liegt es an Unternehmen und Ausbildungsstätten, sich dem Zeitgeist anzupassen.


Auf dem Foto: Loro Piana auf der Pitti Filati 2017 

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